Bericht über die Lage an der Staatsgrenze der DDR im Jahre 1986

Bericht über die Lage an der Staatsgrenze der DDR im Jahre 1986. Vertrauliche Verschlußsache! VVS-Nr.: A 624 943, 12 Blatt. Archiv-Berliner-Mauer.

Vertrauliche Verschlußsache!
VVS-Nr.: A 624 943 - 4. Ausfertigung = 12 Blatt

Bericht über die Lage an der Staatsgrenze der DDR im Jahre 1986

1. Staatsgrenze der DDR zur BRD

Im Jahre 1986 wurde die Staatsgrenze der DDR in insgesamt 2.063 Fällen vom Gebiet der BRG aus verletzt. Das sind 440 Grenzverletzungen mehr als in Vorjahr. In 2825 Fällen überschritten Personen die Staatsgrenze und betraten widerrechtlich das den Grenzsicherungsanlagen vorgelagerte Hoheitsgebiet der DDR. An diesen Grenzverletzungen waren insgesamt 13 Angehörige der Grenzüberwachungsorgane der BRD und 5 Angehörige der NATO-Streitkräfte beteiligt. In den Sitzungen der Grenzkommission DDR/BRD wurde gegen die Verletzungen des Hoheitsgebietes der DDR wiederholt Protest erhoben und die strikte Achtung der Unverletzlichkeit der Staatsgrenze gefordert.

Provokateure beschädigten 125 der zur Kennzeichnung der Staatsgrenze aufgestellten Grenzsäulen der DDR und 20 der zur Markierung des Grenzverlaufs gesetzten Grenzsteine.

In 95 Fällen bewarfen Personen die Grenzsicherungsanlagen der DDR mit Steinen und anderen Gegenständen.

Am 20.09.1986 beschoß eine männliche Person vom Territorium der BRD aus das Hoheitsgebiet der DDR im Abschnitt WENDHAUSEN, Kreis MÜHLAUSEN, mit einer Pistole.

Des weiteren verübten unbekannte Täter, die von der BRD das Hoheitsgebiet der DDR eingedrungen waren, 2 Anschläge auf die Grenzsicherungsanlagen, wobei sie

- in der Nacht zum 27.05.1986 im Abschnitt BOIZE, Kreis HAGEROW, eine Betonsäule und eine Streckmetallplatte des Grenzzaunes beschädigten und

- am 09.11.1986 im Abschnitt STREUFDORF, Kreis HILDBURGHAUSEN, eine Öffnung in den Grenzzaun schlugen.

Im Jahre 1986 drangen insgesamt 4 Luftfahrzeuge von der BRD aus in den Bezirken ERFURT und SUHL bis zu einer Tiefe von ca. 25 km in den Luftraum der DDR ein.

Bei den Luftraumverletzern handelte es sich um ein Segelflugzeug der BRD, 2 einmotorige Flugzeuge unbekannter Staatszugehörigkeit und ein Luftfahrzeug, das nicht identifiziert werden konnte.

Die Ständige Vertretung der DDR in BONN protestierte im BRD-Bundeskanzleramt gegen die Verletzungen der Lufthoheit der DDR.

Zur Einweisung in das Grenzgebiet und zur Hetze gegen die DDR sind im Verlaufe des Jahres

ca. 423.000 Zivilpersonen und
ca. 37.500 Militärangehörige

an die Staatsgrenze herangeführt worden.

In 513 Fällen versuchten Personen vom Gebiet der BRD aus, Kontakt mit den Grenzosten der DDR aufzunehmen. 203 der versuchten Kontaktaufnahmen waren mit der Aufforderung zur Fahnenflucht bzw. der Hetze gegen die DDR verbunden.

Im Zusammenwirken mit den anderen Schutz- und Sicherheitsorganen wurden wegen versuchten Grenzdurchbruchs nach der BRD 744 Personen festgenommen. Das sind 75 Personen mehr als im Vorjahr. 52 Personen (Vorjahr 16 Personen) gelang es, das System der Grenzsicherung zu durchbrechen.

Wegen Verletzung der Staatsgrenze der DDR vom Gebiet der BRD aus wurden 26 Personen (Vorjahr 28 Personen) festgenommen.

2. Staatsgrenze der DDR zu WESTBERLIN

Im Jahre 1986 wurde die Staatsgrenze der DDR in insgesamt 7.911 Fällen vom Gebiet WESTBERLINs aus verletzt. Das sind 2.907 Grenzverletzungen mehr als im Vorjahr.

In 6.347 Fällen überschritten bzw. überfuhren Personen widerrechtlich die Staatsgrenze und verletzten das den Grenzsicherungsanlagen vorgelagerte Hoheitsgebiet der DDR. An diesen Grenzverletzungen waren 859 Angehörige der in WESTBERLIN stationierten Truppen der drei Westmächte und 73 Angehörige der Westberliner Polizei bzw. des Grenzzolldienstes beteilig.

Provokateure verübten insgesamt 29 Anschläge auf die Grenzsicherungsanlagen der DDR.

Am 28.07.1986 sprengten unbekannte Täter, die von WESTBERLIN aus in das Hoheitsgebiet der DDR eingedrungen waren, im Grenzabschnitt CHARLOTTENSTRASSE, Stadtbezirk BERLIN-MITTE, eine Öffnung im Ausmaß von ca. 2 m x 1,6 m in die Grenzmauer.

Infolge der Druckwelle der Sprengung wurden auf dem Hoheitsgebiet der DDR nach vorliegenden Angaben an Grenzsicherungsanlagen, Wohn- und Betriebsgebäuden sowie an Einrichtungen Schäden in Höhe von insgesamt ca. 1 Mio. Mark verursacht. So wurden u. a. 721 Fenster zerstört, 19 Türen mit Türrahmen herausgerissen und ca. 165 m2 Wand- und Dachflächen beschädigt.

In 1.516 Fällen bewarfen Personen von WESTSERLIN aus das Hoheitsgebiet der DDR mit Steinen, Brandflaschen und anderen Gegenständen. Die Grenzsicherungskräfte der DDR wurden in 8 Fellen mit Leuchtraketen und Luftdruckwaffen beschossen und weitere 20mal durch Zivilpersonen und Angehörige der in WESTBERLIN stationierten NATO-Streitkräfte mit der Schußwaffe bedroht. Darüber hinaus verursachten Personen vom Gebiet WESTBERLINs 11 Grasnarbenbrände auf dem den Grenzsicherungsanlagen vorgelagerten Hoheitsgebiet der DDR.

Bei den gegen die Staatsgrenze der DDR gerichteten Anschlägen wurden 6 Angehörige der Grenzsicherungskräfte leicht verletzt und 2 Dienstfahrzeuge der Grenztruppen beschädigt.

Die Grenzverletzungen und Anschläge gegen die Staatsgrenze wurden dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR regelmäßig zur Auswertung auf außenpolitischer Ebene zur Kenntnis gegeben.

Zur Einweisung in das Grenzgebiet und zur Hetze gegen die DDR sind im Verlaufe des Jahres

ca. 1.434.000 Zivilpersonen und
ca. 3.200 Militärangehörige

an die Staatsgrenze herangeführt worden.

In 1.411 Fällen versuchten Personen vom Gebiet WESTBERLINs aus, Kontakt mit den Grenzposten der DDR aufzunehmen. 734 der versuchten Kontaktaufnahmen waren mit der Aufforderung zur Fahnenflucht bzw. der Hetze gegen die DDR verbunden.

Im Zusammenwirken mit den anderen Schutz- und Sicherheitsorganen wurden gegen versuchten Grenzdurchbruchs nach WESTBERLIN 138 Personen festgenommen. Das sind 124 Personen mehr als im Vorjahr.

22 Personen (Vorjahr 4 Personen) gelang es, das System der Grenzsicherung zu durchbrechen.

Wegen Verletzung der Staatsgrenze der DDR vom Gebiet WESTBERLINs aus wurden 34 Personen (Vorjahr 24 Personen) festgenommen.

3. Seegrenze der DDR

Im Jahre 1986 wurden die Territorialgewässer der DDR in 13 Fällen durch ausländische Wasserfahrzeuge bis zu einer Tiefe von 4 Seemeilen (7,4 km) verletzt. An den Verletzungen der Seegrenze der DDR waren zwei Hilfsschiffe und ein Minensucher der Bundesmarine der BRD; ein britischer Minensucher, ein britisches Vermessungsschiff und eine USA-Fregatte beteiligt.

Am 09.10.1986 drang nordostwärts der Insel RÜGEN ein Flugzeug, bei dem es sich vermutlich um ein Aufklärungsflugzeug der Marinefliegerkräfte der BRD vom Typ „ATLANTIK“ handelte, ca. 12 km tief in den Luftraum der DDR ein.

Im Zusammenwirken reit den anderen Schutz- und Sicherheitsorganen wurden wegen versuchten Grenzdurchbruchs in Richtung Offenes Meer 78 Personen festgenommen. Das sind 3 Personen weniger als in Vorjahr. 7 Personen (Vorjahr 1 Person) belang es, das System der Grenzsicherung zu durchbrechen.

Wegen Verletzung der Seegrenze der DDR vom Offenen Meer wurden 4 Personen festgenommen.

4. Staatsgrenze der DDR zur VR POLEN und zur CSSR

Die Grenztruppen nahmen im Jahre 1986 im Zusammenwirken mit den anderen Schutz- und Sicherheitsorganen an der Staatsgrenze der DDR

zur VR POLEN 78 und
zur CSSR 395 Personen

wegen versuchten bzw. vollendeten ungesetzlichen Grenzübertritts fest.

Des weiteren übergaben die Grenzüberwachungsorgane der VR POLEN 31 und die der CSSR 159 Bürger der DDR; die die Staatsgrenze urgesetzlich überschritten hatten, an die zuständigen Organe der DDR. Von den insgesamt 663 Festgenommenen hatten 366 Personen die Absicht, über, die sozialistischer Nachbarstaaten in das kapitalistische Ausland zu gelangen.

5. Anwendung der Schußwaffe im Grenzdienst

Die Grenztruppen der DDR wandten im Jahre 1986 zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen in 24 Fällen (Vorjahr 14 Fälle) die Schußwaffe an. Dabei wurden 4 Personen verletzt, darunter 3 tödlich. Mach Abgabe von Warnschüssen wurden 28 Personen durch Grenzposten unverletzt festgenommen.

6. Schlußfolgerungen

(1) Die vom Gebiet der BRD und WESTBERLINs aus durchgeführten Grenzverletzungen und anderen provokatorischen Handlungen gegen die Staatsgrenze der DDR sind gegenüber dem Vorjahr um 51% angestiegen. Von den insgesamt 9.974 Grenzverletzungen konzentrierten sich 79% auf die Staatsgrenze der DDR zu WESTBERLIN. Den Schwerpunkt bildeten

- das Eindringen von Personen in das den Grenzsicherungsanlagen vorgelagerte Hoheitsgebiet der DDR,

- das Bewerfen von Anlagen und Einrichtungen im Grenzabschnitt der Hauptstadt der DDR, BERLIN, mit pyrotechnischen Mitteln, Steinen und anderen Gegenständen

- die Beschädigung von Grenzsäulen der DDR an der Staatsgrenze zur BRD.

(2) Die Anzahl der Versuche des Grenzdurchbruchs in Richtung BRD, WESTBERLIN und Offenes Meer ist gegenüber dem Vorjahr von 965 auf 1.221 Personen angestiegen. 52% der Versuche des Grenzdurchbruchs im Jahre 1986 konzentrierten sich auf die Monate September bis Dezember.

(3) Im Berichtszeitraum wurden 93% der Personen, die den Versuch des Grenzdurchbruchs unternahmen, im Zusammenwirken mit den anderen Schutz- und Sicherheitsorganen festgenommen.

70% der Festgenommenen waren jünger als 27 Jahre.

81 Personen gelang es, das System der Grenzsicherung in Richtung BRD, WESBERLIN und Offenes Meer zu durchbrechen.

(4) An der Staatsgrenze der DDR zur CSSR und zur VR POLEN weist die Anzahl der versuchten und durchgeführten ungesetzlichen Grenzübertritte gegenüber dem Vorjahr eine gleichbleibende Tendenz auf. Von den an diesen Grenzabschnitten festgenommenen 663 Personen hatten 55% die Absicht, über die sozialistischen Nachbarstaaten in das kapitalistische Ausland zu gelangen.

 


Quelle: „Mauer-Marketing“ unter Erich Honecker : Schwierigkeiten der DDR bei der technischen Modernisierung, der volkswirtschaftlichen Kalkulation und der politischen Akzeptanz der Berliner „Staatsgrenze“ von 1971-1990 / vorgelegt von Wolfgang Rathje