Interview & Video: © Ralf Gründer, Aufnahme: Flagship Store, webfree.tv, Potsdamer Platz, Berlin, Datum: 08.03.2002

„Mit der Spaltung der Stadt begann die heiße Phase des Kalten Krieges ...″

Der Berliner Senator für Inneres Joachim Lipschitz gründete in einer Spontanaktion am 18. August 1961 das „Studio am Stacheldraht“. Mit der Errichtung der sowjetzonalen Sperranlagen zur Abriegelung Ostberlins und der DDR von Berlin (West) lies die SED Lautsprecher zur Beschallung der West-Berliner Bevölkerung in grenznahen Bereichen installierten.

Der letzte Redakteur des Studios Heinz Gerull sah allerdings den Gründungsgrund in dem propagandistischen Lautsprecheranschlag auf Konrad Adenauer während seines Informationsbesuchs an der Berliner Sektorengrenze am Potsdamer Platz am 22. August 1961. Aus einem sowjetzonalen Lautsprecherwagen schallte dem Bundeskanzler das propagandistisch verfärbte Lied vom Häuptling der Indianer entgegen.

Heinz Gerull berichtet im Interview [1] über die Gründung des mobilen Lautsprecherstudios und den propagandistischen Auseinandersetzungen mit dem kommunistischen Regime während der „heißen Phase des Kalten Krieges″ entlang der Berliner Demarkationslinie.

Offiziell installierte der Senat den Lautsprecherdienst zur „Betreuung und Information der West-Berliner Polizei“. Wahrscheinlich lag die Haupttätigkeit des Studios jedoch vielmehr darin, die an der Berliner Sektoren- und Zonengrenze stationierten Angehörigen der Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee durch objektive politische Nachrichtensendungen zu informieren. „Wir wussten zwar, in welcher schwierigen Situation die Grenzsoldaten waren“[1], aber es war von zentraler Wichtigkeit, an die „KZ“-Wächter Appelle zu richten, niemals zu vergessen, dass sie Deutsche sind und nicht gezielt auf ihre Landsleute schießen sollen, denn „Mord bleibt Mord, auch wenn er befohlen wird! […] Wer sich dazu hergibt, auf Befehl Ulbrichts wehrlose Flüchtlinge zu erschießen, wird [...] dafür sühnen müssen!“

Dr. Rainer Hildebrandt mahnt im Tagesspiegel vom 24. August 1961 „die konsequente Nutzung eines Informationsdienstes über die Grenzanlage hinweg an, um die Grenzposten der DDR mit der Wahrheit über das SED-Regime zu konfrontieren“. Dem Museum Haus am Checkpoint Charlie liegen maschinengeschriebene Manuskripte von Dr. Rainer Hildebrand vor, in denen er von 1962 rückschauend die Arbeitsweise des Studios rekapituliert. Hildebrand war der Ansicht, dass Sendungen mit einer Dauer von 20 Minuten zu lang waren, weil dadurch der politische Gegner die Zeit bekam, ebenfalls seine mobilen Propaganda-Lautsprecher in Stellung zu bringen. Somit wurden aus wohlgemeinten Informationssendungen hetzerische Phonschlachten, die letztlich zu Lasten der Bevölkerung entlang der Zonen- und Sektorengrenze gingen. Trafen die mobilen Einheiten aufeinander, versuchten die Kommunisten lautstark die westlichen Argumente niederzubrüllen. Gelang dies nicht, hielten die sowjetzonalen Propagandisten mit lautstarker Marschmusik dagegen. Darüber machten sich dann allerdings die Studio-Redakteure besonders lustig, weil sie argumentieren konnten, dass den kommunistischen Schreihälsen da drüben wohl die Argumente ausgegangen sind.

Aufgrund Hildebrands Kritik wurde am 21.12.1961 die Berichterstattung des „Studios am Stacheldraht“ kurzzeitig eingestellt. Mit einem überarbeiteten Konzept nahm der mobile Sender dann am 25.01.1962 wieder seinen Betrieb auf. Dass vom Senat stark gekürzte und aufs wesentliche reduzierte Programm beschränkte sich auf die lokalen Nachrichten vom Stacheldraht; weggefallen war die Rubrik „Nachrichten aus aller Welt“.

Eine weitere Aufgabe des „Studios am Stacheldraht“ bestand darin, auf die sowjetzonale Sichtagitation entlang der Sektoren- und Zonengrenze mit geeigneten Plakatwänden und Inhalten zu reagieren. Günter Jetschmann hatte die Aufgabe, Text-Ideen für die Stellwände zu sammeln und die Aktivitäten des Studios zu koordinieren. Die Plakate wurden so positioniert, dass die Inhalte von jenseits der Demarkationslinie von den Grepos nicht übersehen werden konnten. In einem 14-tägigen Rhythmus wechselten die Inhalte und vermittelten stets Informationen zur Anzahl der Todesopfer bei der Flucht ermordeter DDR-Bewohner. Versucht wurde aber auch, komplexere Inhalte rüberzubringen, wie z. B. Lenins Dekret zum Selbstbestimmungsrecht:

Wenn irgendeine Nation mit Gewalt in den Grenzen eines gegebenen Staates festgehalten wird, wenn dieser Nation entgegen ihrem zum Ausdruck gebrachten Wunsche – gleichviel, ob dieser Wunsch in der Presse oder in Volksversammlungen, in Beschlüssen der Parteien oder in Empörungen und Aufständen gegen die nationale Unterdrückung geäußert wurde – das Recht vorenthalten wird, nach vollständiger Zurückziehung der Truppen der die Angliederung vornehmenden oder überhaupt stärkeren Nation, in freier Abstimmung über die Formen ihrer staatlichen Existenz, ohne den mindesten Zwang selbst zu entscheiden, so ist einen solche Angliederung eine ANNEXION, d. h. eine EROBERRUNG und VERGEWALTIGUNG“ (Dekret über den Frieden 1917, in: LENIN, Bd. II, Moskau 1947, Seite 257).

Besonders wichtig war das Plakat mit der Headline „DER MÖRDER IST UNTER EUCH! Mielke, Erich […], derzeitige Tätigkeit MINISTER FÜR STAATSSICHERHEIT - Am Sonntag, dem 9. August 1931, kurz nach 20.00 Uhr, wurden auf dem damaligen Bülowplatz […], die Polizeihauptleute Anlauf [...] und Lenk […] durch mehrere Pistolenschüsse in den Rücken getötet und der Polizeioberwachtmeister WILLIG schwer verletzt. [...].“ DDR-Minister Mielke war ein gesuchter Doppelmörder, der sich seiner Verhaftung und Verurteilung durch Flucht in die sowjetische Besatzungszone entzogen hatte. Weitere Informationen des Studios am Stacheldrahts lauteten: „20 Jahre SSD/SED“, „Opfer der Mauer - 56 Tote“, „Auf den zweiten Mann kommt es an“, „Wir gehören zusammen, nichts kann uns trennen!“, „Kennt Ihr Euch überhaupt?“, „Hier wurde ein Deutscher von Deutschen gefangen, weil er von Deutschland nach Deutschland gegangen“ (Johannes R. Becher im Juli 1950), „Befehl … erst denken. Befehl – dann handeln. Befehl“, „Achtung Spitzel! Schütze dich vor falschen Freunden!“, „20 Jahre hart gearbeitet – viel geleistet – warum eingemauert?!“, „10 Jahre Mauer – 10 Jahre Schießbefehl – 65 Tote“, „Auch wer auf Befehl mordet, ist verantwortlich!“, „Denkt an Deutschland – bleibt anständig!“, „Die Völker selbst – und nur sie – haben das Recht auf Wahl jenes Gesellschaftssystems, dass sie als das für sie passende erachten.“ (Poljanskij – 1. Stellvertreter Ministerpräsident der Sowjetunion am 6. November 1965 in Moskau), „Du sollst nicht töten“, „Niemand darf willkürlich festgenommen werden!“, „Mit seinem Gewissen ist jeder allein. Da kann kein Funktionär helfen“, „Kein Verbrechen bleibt ungesühnt!“, „Wir bleiben dabei – SIE sind Landsleute!“, „An die Polit-Offiziere der Grenzbrigaden – Reden Sie, wie Sie denken? Denken Sie, wie Sie reden?“, „Soldat, wie willst Du mit Deiner Schuld leben?“, „Wer Mord befiehlt, ist doppelt schuldig!“, „Brief des Gefreiten K. W. An seine Kameraden der 1. Brigade: »Wenn schon schießen, dann Fahrkarten – ich will kein Mörder sein!«“, „Der soldatische Gehorsam hat dort eine Grenze, wo das Wissen, das Gewissen und die Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet“ (Generaloberst Ludwig Beck, Teilnehmer am Aufstand des 20. Juli 1944), „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg), „GESETZBLATT der Deutschen Demokratischen Republik – Teil 1; 1962; Berlin, den 25. Januar 1962; Militärgesetz §31 – (3) Die Nichtdurchführung eines Befehls bleibt straflos, wenn die Ausführung gegen die anerkannten Normen des Völkerrechts oder gegen Strafgesetze verstoßen würde.“ - „Mord bleibt Mord – auch wenn er befohlen wird!“

Das Studio projizierte auch Dia-Shows an Giebeln ausgewählter Häuser. Auch hier ging es vornehmlich um Appelle, nicht auf Flüchtlinge zu schießen! Liefen die Dias in zu kurzen Abständen, schallten Rufe herüber, das Dia erneut zu projizieren, denn die Grepos hatten die Aufgabe, diese Informationen wahrheitsgetreu aufzuschreiben, um sie an ihre Führungsoffiziere weiter zumelden.

Heinz Gerull berichtet weiter, dass nachdem das Studio über die Sektorengrenze hinweg eine NVA-Parade bei Gegenwart von Armeegeneral Heinz Hoffmann so massiv gestört hatte, Verhandlungen aufgenommen wurden, um den Propagandakrieg im Äther einzustellen.

Günter Jetschmann sieht das Ende des Studios im Komplex „Innerdeutsche Vereinbarungen“. „Die DDR hatte darauf bestanden, dass die Tätigkeit des „Studios am Stacheldraht“ eingestellt wird.“ [3] Als dann am 3. Juni 1972 die Vereinbarungen (Besuchsregelung, Transitabkommen) in Kraft traten, wurde das „Studio am Stacheldraht“ in das „Studio für Sonderaufgaben“ mit Werbetätigkeit für Berlin umgewandelt.

Letztlich hatte aber auch die Zeit, oder besser, die technische Entwicklung des Radios und des Fernsehens sowie die Verfügbarkeit der Empfangsgeräte eine grenzüberschreitende Beschallung überflüssig gemacht. Die mittel- und norddeutschen Rezipienten jenseits der Demarkationslinien konnten mühelos und flächendeckend mit Radio- und TV-Ausstrahlungen erreicht werden (Ausnahme: Bereiche in Sachsen; dieses Areal wurde als „Tal der Ahnungslosen“ bezeichnet!).

Link YouTube ⇒ SAS


 


 

FN 1.) Interview mit Heinz Gerull am 08.03.2002
FN 2.) Interview mit Günter Jetschmann am 30.04.2002
FN 3.) Ebenda
Tipp: Studio am Stacheldraht, Tondokumente zur Zeitgeschichte, Dokumentationszentrum Berliner Mauer (Audio-CD)
Tipp: Videointerview mit SAS-Redakteur Heinz Gerull, Ralf Gründer, 08.03.2002
Tipp: Videointerview (30.04.2002) mit SAS-Koordinator Günter Jetschmann. 1966 kam der junge Beamte des gehobenen Dienstes in die Senatskanzlei und wurde im Presse- und Informationsamt Leiter des Studios am Stacheldraht