SBZ-Rundfunk zu Mauer, Minensperren und Schieß­befehl

Wortlaut aus der Sendung »Junge Leute - heute« des Ostberliner Deutschlandsenders, 10.01.66/15.05 Uhr).

Sperranlagen der DDR an der Zimmerstraße

Blick auf die Sperranlagen des »Antifaschistischen Schutzwalls«entlang der Zimmerstraße in Ostberlin Mitte. Foto: Sigurd Hilkenbach, 04.12.1974

Helmut Nohe aus Buchen (ph) stellt uns die folgenden drei Fragen:

Antwort darauf gibt Wolfgang Dost, Kommentator des DEUTSCHLANDSENDERs:

”Ihre erste Frage lautet also:

‘Warum steht die Mauer?’

Nun, zu allererst, sie steht, weil wir sie gebaut haben. Sie sieht nicht schön aus, gewiss nicht, aber sie verdient, diese Mauer, unsere Staatsgrenze in Berlin, sie verdient nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach ihrem Inhalt beurteilt zu werden. Um das zu können, muss man wissen, warum die Mauer gebaut wurde, genauer gebaut werden musste, noch, genauer gegen wen. Wir haben es oft genug gesagt: Gegen die Leute, die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit sagen und Reprivatisierung der DDR zugunsten der Millionäre meinen, zugunsten von Krupp und Flick, der Großaktionäre, die wir bekanntlich zum Teufel gejagt haben. Gegen diese Leute und ihre Regierung haben wir die Mauer gebaut, gegen sie und zu unserem Schutz als Zeichen sozusagen: bis hierher und nicht weiter, es sei denn, man will partout ein zweites Stalingrad, das diesmal vor der eigenen Haustür stattfände. Solange man nicht aufhört, die Ergebnis des Zweiten Weltkriegs revidieren zu wollen, solange wird sie stehen, die Mauer, und bleiben, was sie ist: undurchlässig, undurchlässig für alle, die keinen Passierschein haben. Aber darauf komme ich noch bei der Beantwortung Ihrer dritten Frage zu sprechen, jetzt erst mal Frage Nummer zwei:

 

‘Warum werden Minen gelegt?’

- Erstaunlich, dass Sie nicht von selbst darauf kommen.

Damit Leute, die auf eben diese Minen treten, in die Luft gehen.

Denn Leute, die auf diese Minen treten, waren im Begriff, unser Land auf eine Art und Weise zu verlassen oder zu betreten die ich einmal illegal nennen möchte, unerlaubt. Wer zu uns kommen will oder unser Land verlässt, der hat es gefälligst mit Einverständnis unsere Regierung zu tun, und dann über die dafür vorgesehenen Grenzübergänge. Alles andere muss ins Auge gehen.

Womit ich gleich bei Ihrer dritten und letzten Frage wäre:

‘Warum werden laufend Menschen erschossen?’

- Zunächst, bei uns werden nicht Menschen schlechthin und schon gar nicht laufend Menschen erschossen,

Motto: jeden Dienstag, Donnerstag und Sonnabend von 10-12 und nachmittags von 15-18 Uhr finden die Erschießungen statt, sondern höchstens Grenzverletzer,

sofern sie auf Anruf und Warnschuss nicht stehen bleiben. Laufend Menschen erschossen, das war in Auschwitz oder im Konzentrationslager Leau. Fragen Sie mal Ihren Bundespräsidenten. Als Begründer des KZ Leau weiß er da sehr gut Bescheid. Wenn an unseren Grenzen geschossen wird, dann handelt es sich wie gesagt darum, dass jemand ohne unser Einverständnis kommen oder gehen will, wie auch immer. Dann allerdings wird geschossen. Dann kann es so einen Grenzverletzer ergehen wie den Gebrüdern Schöneberger, von denen der überlebende bekanntlich zwölf Jahre Zeit bekommen hat, um darüber nachzudenken, wozu unsere Grenzen da sind. Im Übrigen wird niemand erschossen. Über 800 000 Westberliner, die über Weihnachten ihre Angehörigen bei uns in der Hauptstadt der DDR besucht haben, werden das bestätigen. Denen ist kein Haar gekrümmt worden. Wie sollte es auch, die hatten ja Passierscheine. Und wer Passierscheine hat, wie gesagt, dem passiert nichts, er ist unser Gast. Soviel in aller Kürze und in aller Deutlichkeit zu den drei Fragen, die Sie gestellt haben.

Falls Ihnen das eine oder das andere an meiner Antwort nicht gefallen haben sollte, machen Sie nicht den Fehler, den man in Bonn macht. Gehen Sie einfach darüber hinweg. Ruhig bis hundert zählen und nachdenken, und vor allem das eine nicht vergessen:

Nur Selbstmörder finden sich auf die Dauer nicht mit den Realitäten ab, rennen mit dem Kopf gegen die Mauer,

um beim Beispiel zu bleiben. Glauben Sie mir, sie ist härter. Weg bekommt man sie nur, wenn man zuvor ihre Ursachen beseitigt hat. Und was das ist, worin diese Ursachen bestehen, das habe ich zu erklären versucht.”

 


Fundstelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Nachrichten-Abteilung, SBZ-Auswertung, Bonn, den 12.01.1966 - Ostberlin DEUTSCHLANDSENDER/10.1.66/15.05 Uhr/Junge Leute - heute/Be)