Aktion „Weißer Strich″ von Wolfram Hasch, Frank Willmann u. a.
Fotos: Peter Unsicker (Wall-StreetGallery), Berlin

Hallo Ralf, das habe ich als „Leserbrief″ geschrieben

So schnell, wie Tim Ackermann in seiner Rezension des von Ralf Gründer herausgegebenen Mauerkunstbuchs behauptet, mußte man während einer Malaktion am antifaschistischen Schutzwall (dessen Name i. ü. durch die Wahlerfolge der NPD in den neuen B-Ländern in letzter Zeit offenbar eine ganz neue Bedeutung bekommt) in der Regel nicht sein. Die Grepos hätten mit ständigen Verhaftungen aufgrund der Vielzahl von Malaktionen nicht nur viel zu viel Arbeit gehabt, sondern sich zudem in der Weltöffentlichkeit noch unbeliebter gemacht als sie es ohnehin schon gewesen sind. Mit Übergriffen auf mehr oder weniger harmlose Mauermaler wäre sicher auch das Fortbestehen des bipolaren Waffenstillstandes (damals friedliche Koexistenz genannt) zusätzlich gefährdet worden.

In der Regel war es außerdem so, daß man die Observ(ier)er auf dem Wachturm nur einmal unbeobachtet unterlaufen mußte, nämlich dann, wenn sie gerade ihre eigene Bevölkerung mit dem Fernglas bespitzelten, um dann in Ruhe und unbeobachtet (quasi optisch geschützt vom Schutzwall) einen Flecken der Mauer bemalen zu können. Wenn die deutsch-deutsche Grenze nicht fließend war, der im Westteil Berlins zur DDR gehörende Fünf-Meter-Grenzbereich vor der Mauer war es ganz sicher. Und nicht selten verletzte ein West-Berliner die Staatsgrenze der DDR, indem er sich einfach -ob mit oder ohne Farbeimer- auf diesem zu Ost-Berlin gehörenden Territorium fortbewegte. Jedoch bestätigten natürlich auch hier Ausnahmen die Regel.

Als ich von den MP-(ver-)zückenden Grepos auf frischer Tat gestellt wurde ist das weniger die Folge eines physisch oder geistesgegenwartsbezogenen Phlegmas gewesen als das Ergebnis der Tatsache, daß meine (bzw. unsere, denn wir waren zu fünft) Malaktion bereits den Bereich vom Mariannenplatz bis zum damaligen Lennedreieck erfasst hatte und aller Voraussicht nach noch weit darüberhinaus reichen sollte. Wir waren den Turmwächtern optisch bereits in regelmäßigen Abständen (z.B. am Springerhaus, Checkpoint Charly, Lennedreieck) aufgefallen und es hatte schon am Checkpoint Charly Konflikte zwischen uns und den Grenzposten (die eine handfeste antikommunistische Provokation vermuteten) gegeben. Zu dieser ihrer Provokations-Vermutung hatte sicherlich auch der Umstand beigetragen, daß wir unsere Personenidentität aus der Absicht, ein via Tatfoto-Personenidentifizierung drohendes Transitverbot zu vermeiden hinter Gipsmasken versteckten, deren beulenhaft aufgedunsene Monstrosität eher surreal harmlose Züge trug als daß sie antikommunistisch provozieren oder symbolisch drohen wollte.

Nicht zuletzt führte das rätselhafte Mal-Motiv zu dringendem Aufklarungsbedarf bei den DDR-Sicherheitsorganen: bedeutete das Ziehen eines weißen Striches entlang der Berliner Mauer etwa eine medial inszenierte Provokation der imperialistischen Springer-Presse oder war es womöglich sogar die künstlerisch getarnte Skizzierung eines kilometerweit reichenden Sprengstoffanschlags? Einer auf universeller Paranoia beruhenden Macht ist bekanntlich keine sicherheitspolitische Erwägung zu abstrus.

So wurde ich am Morgen eines tristen Berliner Novembertages im waldigen Dickicht des Tiergartens unweit des Brandenburger Tores mit erhobenen Händen nach Ostberlin abgeführt. Und das natürlich auch deshalb, weil ich einen Moment nicht schnell genug gewesen bin, es in dieser permanenten Unbedingtheit auch gar nicht sein wollte, da nach Aussagen der Westberliner Polizei allenfalls eine zweiwöchige Befragungshaft drohte. Mehr als das Auftragen eines weißen Strichs an einer von der Westberliner Allgemeinheit seit Jahren längst zur Staffelei zweckentfremdeten Schutzmauer hatte ich ja nicht zu verantworten, auch wenn mir bewußt war, daß man das in gewissen Kreisen ( bzw. Ecken und Winkeln) mitunter und zur Überraschung aller Beteiligten ganz anders sieht.

Bei dem räumlichen und zeitlichen Umfang, den der geplante Tat-Ort (die gesamte Länge der Berliner Mauer) besaß, war eine durch pausenlos auf schnelle Flucht prädestinierte erfolgreiche Reaktion ohnehin nur möglich, wenn man während der mehrtägigen Mal-Aktion die künstlerische (in diesem Falle mechanische) Energie mit einer permanenten kriminellen Wachsamkeit verband, was mir angesichts des Charakters der Aktion und des schlimmstenfalls zu erwartetenden, natürlich dennoch möglicht zu vermeidenden Transitreise-Verbots übertrieben erschien.

Die Verhaftung erfolgte also, sobald man eine solche für nötig befand, in mehrfachem Sinne zwangsläufig. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt geahnt, daß mich statt zwei Wochen Befragungsgewahrsam eine teilweise recht gewaltsame Ab-, Ent- und Überführung sowie zwanzig Monate Bautzen-Haft erwarten, ich hätte die Maschinenpistolen sicher für bedrohlicher und von vornherein des Ausweichens unbedingter gehalten als ich es damals getan habe.

Wolfram Hasch

 


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