Das erste Opfer an der deutsch-deutschen Grenze

Die Tötung von Ursula Wendt am 14. August 1945

Noch bevor von den sowjetisierten Deutschen in der Sowjet-Zone (Mittel- und Norddeutschland östlich der Demarkationslinie) die ersten Gefängnisse für „Grenzgänger″ eingerichtet wurden, wurde Ursula Wendt beim Durchwaten der Saale bei Hirschberg in Richtung Untertiefengrün am 14. August 1945 von einem sowjetischen Soldaten erschossen. Ursula Wendt, Fotodokumentation MockertDeutsche, die von der Sowjet-Zone in die Trizone - oder umgekehrt - wollten, wurden in der Zonenpropaganda als „Grenzgänger″ bezeichnet. Das Überschreiten der „Grünen Grenze″ wurde in der Zone unter Strafe gestellt. Schon am 4. Dezember 1946 erteilte die sowjetische Militäradministration (SMA) den Befehl Nr. 0208, der die Errichtung von Gefängnissen nur für „Grenzgänger″ vorsah. Die Ermordung von Ursula Wendt, der Befehl Nr. 0208 sowie die täglichen Schikanen an der „Grünen Grenze″ lieferten die ersten Belege für die geplante dauerhafte Abspaltung der Sowjetzone und Einverleibung in Josef V. Stalins Herrschaftsbereich. Die 1338 km lange Demarkationslinie, die in den ersten Tagen nach der Kapitulation noch eine „Grüne Grenze″ war, war durch Stalins Terror zu einem „Eisernen Vorhang geworden.

Portrait Ursula Wendt. Fotodokumentation Mockert

Mit der Gründung der DDR und der späteren Anerkennung des SED-Unrechtsstaates durch die UNO wurde schließlich daraus eine international anerkannte Staatsgrenze.

Deutsche, die über die „Grüne Grenze″ von Deutschland nach Deutschland gingen, sind durch die sowjetzonalen Verordnungen zu Verbrechern gestempelt geworden, die ohne Gerichtsverhandlung rücksichtslos niedergeschossen werden konnten. Wer von der „Zone″ in die „Trizone″ (Bezeichnung für das westlich der Demarkationslinie befindliche Deutschland vor der Gründung der Bundesrepublik) wollte, musste von nun an mit seiner Ermordung durch Ulbrichts Zonenschergen rechnen. Schon zu diesem Zeitpunkt etablierte sich der sowjetzonale Begriff „Grenzgänger″ für Personen, die Freunde, Verwandte oder Familienangehörige diesseits oder jenseits der Demarkationslinie besuchen wollten. In den letzten Monaten vor der totalen Abriegelung Ostberlin und der Sektoren von Berlin (West), erlebte dieser Begriff einen sowjetzonalen propagandistischen Höhepunkt.

Das Schicksal der 31-jährigen jungen Frau beschrieb die Journalisten Franciska Hanel in ihrem Bericht „An einem Sommertag im August″ vom 15./16. August 1998 in der Wochenend.

„Am 14. August wollte sie zurück sein. Es war später Nachmittag, und die Sonne schickte schon schräge Strahlen durch die Bäume, da erreichten die beiden jungen Frauen die Stadt Hirschberg. Bei der Steinmühle hielten sie kurz an und beratschlagten sich. Ja, hier wollten sie die Saale durchqueren, was kein Problem war. Denn der Sommer war heiß und trocken gewesen und der Fluß fast ausgetrocknet. Erst watete die Bekannte zügig durch das niedrige Wasser, knapp hinter ihr Ursula Wendt. Noch einen Meter bis zum Ufer auf bayerischer Seite! Da zerriß ein einziger Schuß die Stille des in sommerlicher Hitze flirrenden Nachmittags. Ursula schien wie erstarrt. Dann sackte sie langsam zusammen und blieb liegen. Tot. Der Schuß war mitten ins Herz gegangen, abgefeuert von einem russischen Posten auf der „Kernsbrücke“, den die Frauen im Gegenlicht der Sonne nicht gesehen hatten. ... Ursula Wendt war das erste Opfer an der Grenze. Zwei Tage noch lag sie im Wohnzimmer der Familie aufgebahrt, dann wurde sie auf dem Berger Friedhof begraben. Nie wurde bekannt, wer der Posten war, der die junge Frau erschoss. Und an der Grenze mußten noch weit über 900 Menschen sterben, bis der „Eiserne Vorhang“ am 9. November 1989, nach 44 Jahren, geöffnet wurde. ... Sie war das erste Opfer an der unseligen Grenze: Ursula Wendt aus Untertiefengrün im Landkreis Hof.″

Der Zeitzeuge Erich Bahner aus Hirschberg wurde als Kind Zeuge dieses Verbrechens. Damals spielte er mit Freunden am Uferbereich der Saale nahe Hirschberg im Winkel und sah, wie sich eine Menschengruppe bildete, die dann durch die Saale in Richtung Westen watete. Ursula Wendt ging als Letzte und war vielleicht noch zwei Schritte vom bayrischen Ufer entfernt, als sich ein russischer Soldat auf der Kernsbrücke umdrehte und einen einzigen Schuss abfeuerte. Erich Bahner berichtet im Interview weiter, dass er zu dieser Zeit nachts des öfteren Schüsse gehört hat. Auch kann er sich an nächtliche Krankentransporte erinnern. „Die Toten″, sagt er, „wenn es denn wirklich welche gab, sind nicht mit dem Leichenauto abgefahren worden. Es ist ja irgendwie alles verwischt worden″. Ob jemand tödlich getroffen wurde oder nicht, weiß niemand; ist aber zu vermuten!

 


Presseartikel: An einem Sommertag im August, Franziska Hanel, Wochenend, 15./16. August 1998
Interview: Erich Bahner berichtet vom Leben in Hirschberg unter der Russen und SED-Knechtschaft